Bruderhaß und Bruderliebe

Von Pfarrer Konrad Schreiegg
 

Israel und die Palästinenser und kein Ende! Von außen besehen, verstehen wir kaum, warum der Staat Israel und die Palästinenser zu keiner Regelung sich durchringen können, um dem Blutvergießen ein Ende zu bereiten. Diese Auseinandersetzungen können wir nur aus einer ganz anderen Perspektive nicht gerade verstehen, aber einem Verständnis uns annähern.

Auf einer Fahrt vom jordanischen Petra nach Amman sagte ein jordanischer Reiseführer: "Schauen Sie hinüber!" Er zeigte nach Westen in die Richtung Jerichos. "Dort sind unsere Brüder!" Er meinte dies keineswegs spöttisch, sondern im Grunde sehr ernst, und er versuchte die Spannung zwischen Israel und den Arabern zu erklären mit einem Hinweis auf die Hl. Schriften des Alten Testaments. Hier Ismael - dort Isaak, hier Esau - dort Jakob. Die Israelis verstehen sich als die Nachkommen Isaaks, für die die Araber die Nachfahren Ismaels sind. Israel sieht sich in der Nachfolge Jakobs gegenüber seinem Zwillingsbruder Esau, der sein Erstgeburtsrecht leichtfertig hergegeben hatte.

Natürlich unterliegen viele Israelis so wie die Christen in Europa, einem Säkularisierungsprozeß der Gesellschaft, aber ohne daß es allen bewußt wäre, lebt in ihnen dieser Gedanke - niedergelegt in den Schriften Genesis und Exodus, in den Büchern Josua und im Buch der Richter - weiter. Und die Araber .- so hörte ich es von diesem Jordanier - erfahren sich immer wieder als Ismael, der letztlich unehelich geborene Sohn Abrahams oder als Esau, der von Jakob ausgetrickst worden ist.

In dieser Auseinandersetzung können Vermittler und Politiker des Westens und des Ostens wohl nur momentane Waffenstillstandsphasen erreichen, die Spannung gründet viel tiefer in den Uranfängen der Semiten. Warum ist das so? fragen wir uns. Warum hat Gott nach den Berichten des Alten Testaments dies zugelassen? Es gehört dies zur dunklen Seite Gottes, die wir natürlich nie verstehen werden. Allerdings kam Jesus, ein Sohn des Volkes Israel, und hat damals schon versucht. deutlich zu machen, daß die Spirale der Gewalt gestoppt werden müßte: Aber wer hörte damals schon auf Ihn? Wer hört heute schon auf Ihn? Jerusalem, die Stadt des Friedens wie sie genannt wird, ist Realität und Vision. Jedenfalls: Ohne Kenntnis der Hl. Schrift werden wir das Hl. Land mit seinen hellen und dunklen Seiten nie begreifen.

Kreisbote Fürstenfeldbruck 24/01

 

Anmerkung aus humanistischer Sicht

Vorstehender Text ist eine interessante, kurze Darstellung von den mythologischen Hintergründen dieses dauerhaften Konfliktes, stellvertretend für manch andere, ähnliche Konflikte. Ein moderner Mensch jedoch, der sich mitverantwortlich fühlt für seine Mitmenschen, denkt hier: das kann doch nicht alles an Empfehlungen eines Seelsorgers gewesen sein! Würde Jesus es heute bei einer solchen Erklärung belassen? Vermutlich würde er empfehlen: "Werdet eigenständig und unabhängig von kollektiven Zwängen, sucht eure Identität nicht länger an trennenden und abgrenzenden Mythen festzumachen, sondern orientiert euch unmittelbar und ohne geschichtliche oder imaginäre Autoritätspersonen an verantwortlicher Menschlichkeit. Dieses sei euer höchster Wert, euer Weg und Ziel, wenn ihr von Menschenwürde sprechen wollt. Fürchtet euch nicht vor einer scheinbaren Globalisierung eurer Herkunft, sondern werdet euch bewußt der bestehenden Globalität der Menschheit. Nicht die Unterschiedlichkeit der Herkunft gegenüber anderen Gruppen und die Leistungen eurer Vorfahren machen euren Wert aus und geben euch sichere Identität, sondern eure Fähigkeit und eigene Leistung zur Integration in das größere Ganze der einen Menschheitsfamilie unserer einen Welt."

Selbstverständlich ist es äußerst wichtig, die Ursachen von Konflikten bis in die Uranfänge ihrer Entstehung zu erkunden. Aber doch nicht, um lediglich die Konfliktparteien zu verstehen und es dann bei momentanen Waffenstillstandsphasen bewenden zu lassen. Dieses menschenunwürdige Spiel wird ja nun seit 50 Jahren in Israel/Palästina betrieben, anscheinend durchaus zur Befriedigung einiger Nutznießer und Fanatiker auf Kosten einer desorientierten bzw. verführten Mehrheit. Ein Außenstehender kann den Eindruck gewinnen, Religionen lebten von Feindbild und Märtyrertum. - Menschenwürdiger wäre es, Abschied zu nehmen von konfliktfördernden Identitätsbegründungen, um dann Gemeinsamkeiten zu definieren und neue Uranfänge zu gründen, die verbindend wirken und ein menschenwürdiges Miteinander ermöglichen.

Selbstverständlich können wir hier im verhältnismäßig friedlichen Deutschland diese Arbeit nicht nur von den dort Betroffenen erwarten, sondern müssen unsere seit 50 Jahren bestehende Friedensruhe dazu nutzen, unsere eigenen Identitätsbezüge beispielgebend neu und menschenwürdig zu begründen, um unsere weniger auffallenden gesellschaftlichen und persönlichen Konflikte zu lösen und der Globalisierung auf dem Gebiet verantwortlicher, universaler Menschlichkeit unseren längst überfälligen Beitrag zu leisten. Wie können wir behaupten, die Menschenwürde sei unantastbar und gleichzeitig tatenlos zuschauen, wie unschuldige Menschen umgebracht werden und die Umwelt zerstört wird?

Es ist Zeit für ein Menschenbild mit globalen, ethischen Standards, die frei sind von separierenden Mythen, die dagegen integrierend wirken und vernunftgemäßen Überprüfungen standhalten. Das Mindeste, was jeder einfache Mensch guten Willens tun könnte und sollte, das ist, sich selbst und anderen gegenüber ein Bekenntnis abzulegen - über ethnisch und religiös oder weltanschaulich trennende Bekenntnisse hinaus - zum universalen, verantwortlichen Menschsein und dafür zu werben. Bekenntnisse gegen fundamentalistische und gewaltmäßige Symptome reichen nicht aus, es braucht ein deutliches Bekenntnis zu ursächlichen Lösungsansätzen, z.B. zum Humanismus als ethische Orientierung, die gleichermaßen Weg und Ziel bereits im Namen enthält.

Rudolf Kuhr

Probleme lassen sich nicht mit den Denkweisen lösen,
die zu ihnen geführt haben.

Albert Einstein, Physiker (1879-1955)

*

Wir selbst müssen die Veränderung sein,
die wir in der Welt sehen wollen.

Mahatma Gandhi, Politiker (1869-1948)

 
Texte zum Thema Identität 
 


 
Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
7/2001
 


 
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Aktualisiert am 17.11.03