Gedanken, Anträge, Briefe zur HU

während meiner Mitgliedschaft von 1991 bis 1997

(Teil 2)

Themenbereiche
 

Humanistisches Werte-System März 95   -   Menschenpflichten Dez. 95   -    Der HU-Fragebogen März 96

Rundfunk kommerziell Sept. 96   -   Trennung von Staat und Kirche Sept. 96

Ethische Grundhaltung der HU Juni 97   -   Verbindung aufrecht erhalten Dez 97

 

 


 

Humanistisches Werte-System
 
 Versuch zu einer Neu-Orientierung 
   

  Menschlichkeit  >

braucht / ermöglicht                braucht / ermöglicht

          Freiheit                              Verbundenheit

 braucht / ermöglicht                                                           braucht / ermöglicht

Aufklärung                                     Frieden        

   braucht / ermöglicht                                                           braucht / ermöglicht

    Mündigkeit                            Gerechtigkeit

 braucht / ermöglicht                        braucht / ermöglicht

<  Demokratie  <

 
Herr Kuhr hat uns gebeten, zumindest Auszüge aus dem von ihm entwickelten Hunanistischen Werte-System zu veröffentlichen.
Der gesamte Text ist bei ihm gegen Einsendung von DM 1,50 erhältlich (Artilleriestr.10, 80636 München).

 
Bei diesem Entwurf sollen sinnsuchende, bisher auseinanderstrebende Richtungen sowie alle Werte in einen neuen Zusammenhang gebracht werden, um sie wirksamer dem einen Ziel, der Menschlichkeit; dienen zu lassen, die derzeit offensichtlich immer mehr verloren geht.

Die bildliche Darstellung des Humanistischen Wertesystems zeigt im Mittelpunkt ein Dreieck für das philosophische Prinzip der Dialektik von These, Antithese und Synthese. Hier für die bisher unversöhnlich auseinanderstrebenden Richtungen Idealismus und Materialismus und der bisher ungewöhnlichen Synthese daraus, des Humanismus.

Humanismus. Bisher lediglich als schulische Bildungsrichtung und als Geschichtsepoche der Aufklärung verstanden, kann uns heute der Begriff vom Humanismus in geradezu idealer Weise als eine allem anderen übergeordnete Orientierung dienen. Im Vergleich zu allen anderen Ideologien, die nicht das eigentliche. Ziel, sondern den Weg oder den Wegbereiter im Namen tragen, ist das Ideal des Humanismus Weg und Ziel in einem. Dies wirkt einem Abweichen vom eigentlichen Ziel, das ja wohl bei allen Ideologien hauptsächlich in der Vervollkommnung der Menschlichkeit liegt, bereits vom Namen her entgegen. Darüber hinaus grenzt der, umfassend als Menschentum verstandene, Humanismus niemanden aus, sondern integriert alle Menschen unserer einen Welt.

Das Neue an diesem Humanistischen Werte-System ist neben der Synthese von Idealismus und Materialismus die Anordnung alter, mehr oder weniger gebräuchlicher Wert-Begriffe zu einer Art Regelkreis. An der Spitze steht die Menschlichkeit. Wohlgemerkt, nicht der Mensch als "Krone der Schöpfung", sondern allein seine guten Eigenschaften, sein positives Verhalten, seine edle Gesinnung als Ideal.

Das Humanistische Werte-System stellt einen sich selbst steuernden "Regelkreis" dar, indem der Soll-Wert, der allen anderen Werten übergeordnet ist, zugleich auch den Ist-Wert bedeutet, denn Menschlichkeit enthält auch alle negativen Seiten des Menschen.

Wichtigstes Steuer-Glied in diesem "Regelkreis" ist die Mündigkeit, gefolgt von der Aufklärung. Beide verhindern ein Sichverlieren in einem untergeordneten Werte-Bereich, was beispielsweise - besonders wichtig - bei der Freiheit durch deren Einbindung in den übergeordneten Wert der Menschlichkeit einen Mißbrauch erschwert.

Dieses Humanistische Werte-System ermöglicht persönliche Entfaltung durch individuelle, freie Schwerpunktsetzung und führt gleichzeitig, in ganzheitlicher, Linearität und Polarisierung entgegenwirkender Orientierung zu einem sinnvollen gemeinschaftlichen Ziel, zur Menschlichkeit. Es kann deshalb als eine zukunftweisende Alternative zu bisherigen idealistischen oder materialistischen Ideologien gesehen werden....

Funktion des Werte-Systems. In dem dargestellten Kreis von Grund-Werten sind die wesentlichen, zusammengehörenden Aufgaben für eine humanistische Orientierung enthalten, durch ihre Verbindung miteinander wird einem Sichverlieren in untergeordneten Aufgabenbereichen vorgebeugt.

Obwohl der Begriff Regelkreis allgemein in der Technik und mit exakten naturwissenschaftlichen Größen verwendet wird, läßt er sich entsprechend für den menschlichen Bereich verwenden. Der Begriff Menschlichkeit stellt zugleich sowohl den Ist-Wert, als auch den Soll-Wert dar. Der Ist-Wert besteht in dem derzeit bestehenden Zustand des einzelnen Menschen. Der Soll-Wert besteht in seinen humanistischen Idealen, die bekanntlich nie ganz erreicht werden können, die aber stets eine Richtung weisen.

Der Regelkreis funktioniert in der Weise, daß sich ein mehr oder weniger mündiger Mensch, der sinnvoll leben möchte, selbständig anhand der in diesem Kreis enthaltenen Begriffe überprüfen kann, wo er derzeit steht und wo er sich hinbewegen will. Ein Einstieg ist überall möglich, Reihenfolge und Richtung sind frei, Querverbindungen möglich, weil alles mit allem in Zusammenhang steht und voneinander abhängt.

Vorrang hat lediglich Menschlichkeit als der allem übergeordnete Wert. Mündigkeit und Aufklärung dürfen derzeit als nachgeordneten Werten größere Aufmerksamkeit zustehen, während äußere Freiheit heute in unserer Gesellschaft in einem großen, bisher nie dagewesenen Ausmaß vorhanden ist, so daß bezüglich dieses Wertes vermehrt nach der inneren Freiheit gefragt werden muß, und es muß vor allem gefragt werden: Freiheit wofür?!

*

Sehr geehrter Herr Kuhr!

Erlauben Sie mir bitte - in diesem Fall als Diskussionsteilnehmerin - folgende Fragen: Was ist an Ihren Überlegungen wirklich neu? Welches Ziel verfolgen Sie mit diesen Ausführungen? Wo liegt der konkrete Anwendungsbereich? Die von Ihnen verwendeten Schlüsselbegriffe sind den Leserinnen und Lesern der MITTEILUNGEN nicht neu, wenn auch manche manches anders ausdrücken würden. Ist der Begriff "Solidarität" nicht doch griffiger, verpflichtender als "Verbundenheit"? Daß die einen Werte mit den andern in Beziehung stehen, ist ebenfalls bekannt. Allerdings rechtfertigt das keineswegs die Schematisierung dieser Bezüge in einem Regelkreis - technisch-naturwissenschaftliche Prinzipien sind eben nicht einfach auf menschliche Bezüge anwendbar. "Der Regelkreis funktioniert"...? Wirklich? Dient er vor allem der jetzt endlich möglichen Gewissenserforschung der "Humanisten", die bisher noch gar keine waren? Läßt sich mit Hilfe Ihres Werte-Regel-Systems irgendeine der zahllos uns umgebenden humanen Aufgaben besser lösen und ist das überhaupt beabsichtigt?

Ursula Tjaden

HU-MITTEILUNGFN 149, März 1995

 *

Betr. "Humanistisches Wertesystem"
(MITTEILUNGEN 149 / März 1995, S. 22)

Sehr geehrte Frau Dr. Tjaden!

Sie fragen als Diskussionsteilnehmerin, was an meinen Überlegungen wirklich neu sei. Offenbar muß doch etwas darin für sie derart neu gewesen sein, daß es Ihnen nicht möglich war, alles in Ruhe durchzulesen, "Kopf und Sinne" zu vereinen, aus "Wörtern auch Wortbilder" entstehen zu lassen. Leider waren Sie anscheinend ebenso "unsinnlich" oder vielleicht auch etwas sinnverwirrt, um sich mit meinen "Anregungen auch nur zu befassen", wie Sie selbst dies eine Seite vorher gegenüber den Redakteuren der vorgänge beklagten. Ich spüre da eine Art Fremdenfeindlichkeit in dem Sinn, daß alles, was nicht den juristischen Bereich betrifft der HU fremd ist und nicht einmal argumentativ abgelehnt, sondern ignoriert, ja ängstlich gemieden wird. Es hat den Anschein, als wollte man sich nur mit den rechtsrelevanten Symptomen der gesellschaftlichen Probleme befassen und sich selbst nicht einbeziehen. Obwohl es seit längerem Überlegungen gibt, die HU zu beleben und zu erneuern, scheint jeder etwas ungewöhnliche Gedanke arge Verunsicherung auszulösen. Fehlt es an innerer Sicherheit, um neue, ungewöhnliche Gedanken nicht gleich abzuwehren, sondern zunächst vielleicht nur einmal verstehen zu wollen, zumal, wenn sie sich im Rahmen des Humanistischen bewegen?

Um noch kurz auf Ihre Fragen einzugehen: Wie ich einleitend schrieb, ist das - vielleicht doch für viele - Neue an meinen Überlegungen, daß alte Werte (nicht "alle", wie fälschlich abgedruckt, obwohl das auch zutrifft) in einen neuen Zusammenhang gebracht werden. Unter dem Begriff Humanismus wird danach zunächst die mehr verstandesbetonte, materialistische Orientierung mit der mehr gefühlsbetonten, idealistischen zusammengeführt, Es werden die oft in gegensätzliche Extreme führenden Richtungen miteinander verbunden.

Alsdann wird die Menschlichkeit übergeordnet mit anderen Werten in Verbindung gebracht und Demokratie nicht nur als eine Staatsform, sondern auch als ein Wert dargestellt. Wie nötig es ist, scheinbar Selbstverständliches doch immer wieder ins Bewußtsein zu rufen, das zeigt in anschaulicher Weise die F.D.P., die ihren Liberalismus über alles andere stellt und sich dann wundert, wenn ihr die Wähler wegbleiben, weil ihnen zuwenig sinnvolle Ziele genannt werden, wofür sie ihre Freiheit einsetzen können.

Die Friedensbewegung scheint bewegungslos zu werden, wenn ein konkretes Feindbild fehlt, gegen das sie ankämpfen kann, anstatt endlich auch mal nach den im Menschen selbst befindlichen Ursachen für Frieden und Unfrieden zu suchen. Die Aufklärung beschränkt sich darauf, gegen die Kirche zu kämpfen, anstatt nach den im Menschen liegenden Ursachen für Mündigkeit und Unmündigkeit und ihre eigene Destruktivität und jenseitige Theoriebezogenheit nachzudenken. Auch die Verfechter der Gerechtigkeit kämpfen gegen alles Mögliche, nur nicht gegen die eigenen Unzulänglichkeiten und Unfähigkeiten und für die eigene innere Sicherheit. die nun einmal mit der Identitätsfindung in Verbindung mit einem klaren Bild von der Welt zusammenhängt.

Es fehlt allenthalben in unserer Gesellschaft an konstruktiven, intelligenten Kräften, die ein Miteinander der verschiedenen Teilbereiche bewirken mit dem gemeinsamen Ziel von mehr Menschlichkeit in einer gesunden Umwelt. Es fehlt ein klares positives öffentliches Bekenntnis, zum Beispiel zum Humanismus, zum alle Menschen dieser Welt vereinenden Menschentum als Alternative zu den bisher angebeteten abgrenzenden Altertümern wie z.B. Christentum, Judentum, Wirtschaftswachstum usw. Toleranz und Solidarität reichen heute allein nicht mehr aus, es bedarf einer, für viele Kopflastigen neuen, tiefen, inneren Verbundenheit zur gesamten Mitwelt, die über die verstandesmäßig faßbare, materielle Verbindung hinausgeht. Hierüber habe ich in dem entsprechenden Abschnitt des Werte-Systems Näheres ausgeführt.

Sie schreiben, daß das Bekanntsein der Beziehungen der Werte untereinander keineswegs die Schematisierung in einem Regelkreis rechtfertige. Ich meine, daß dies zum einen gar keiner Rechtfertigung bedarf und es zum andern völlig ausreicht, etwas Neues zu versuchen, wenn das Bekanntsein allein nichts bewirkt. Und wenn Sie technisch-naturwissenschaftliche Prinzipien nicht einfach auf menschliche Bezüge für anwendbar halten, für oder gegen wen spricht das dann? Doch höchstens gegen mangelnde Fantasie und Versuche, denn schließlich ist auch der Mensch ein Teil der Natur. Und daß Menschen durchaus in technisch-mechanischer Weise funktionieren können, das beweist auf negative Weise ein fast automatisch erfolgendes Abschalten durch Konfrontation mit neuen Ideen bei Menschen mit mangelnder innerer Sicherheit, ich erinnere in diesem Zusammenhang an das Buch "Nieten in Nadelstreifen".

Der Regelkreis funktioniert selbstverständlich, wie auch in der Technik, nicht von allein, es muß eine entsprechende Energie zugeführt werden. In diesem Fall besteht diese aus dem Willen des mehr oder weniger freien, mehr oder weniger mündigen Menschen. sich zu fragen, wo er steht und wohin er sich bewegen will. Der Regelkreis kann es auch dem Namens-Humanisten erleichtern, zu überprüfen, wie weit er sich wirklich als Humanist bezeichnen kann.

Sie fragen, ob sich mit Hilfe des Werte-Systems irgendeine der zahllos uns umgebenden humanen Aufgaben besser lösen ließe und ob das überhaupt beabsichtigt sei. Den ersten Teil der Frage kann ich uneingeschränkt mit Ja beantworten, das läßt sich mit einigem guten Willen aus meinen Ausführungen entnehmen, es sei denn, die Lösungsansatze sollen sich auf die Behandlung von Symptomen beschränken. Zum zweiten Teil Ihrer Frage, ob eine Lösung überhaupt beabsichtigt sei, muß ich zurückfragen, ob Sie diese Frage auf sich und die HU beziehen, dann scheinen Sie selbst daran zu zweifeln. Was mich betrifft, so ist die Lösung der humanen Aufgabe ganz genau meine Absicht, und zwar von der Wurzel her. Und im Gegensatz zu manchen meiner Mitstreiter bin ich bereit, meine Aufmerksamkeit dabei nicht nur auf die mich umgebenden Probleme zu lenken, sondern mich selbst als Teil meiner Mitwelt in mögliche Veränderungen mit einzubeziehen.

Ich finde es wenig ermutigend, ja deprimierend, daß in einer Vereinigung, die unter dem anspruchsvollen Vorzeichen des Humanismus antritt, grundlegende humanistische Überlegungen so wenig geschätzt, ja abgelehnt werden. Das erinnert mich ein wenig an die Kirche, die den Begriff Religion mit ihrer Praxis fast in ihr Gegenteil verkehrt hat. Ich wünsche mir mehr Aufgeschlossenheit; Ganzheitlichkeit, Streitkultur und Weitsicht und halte es da mit einem Philosophen, der sagte: "Ich werde mich so lange wiederholen, bis man mich versteht" oder mir nachweist, daß ich gegen die Satzung der HU verstoße und mich ausschließt, füge ich hinzu.

Rudolf Kuhr, Artilleriestr. 10, 80636 München

*

"Regelkreis"

Herr Kuhr bemüht sich offenbar, die historisch zu nennenden humanistischen Werte, die vor allem auf römischen Traditionen basieren, in Erinnerung zu rufen und in die Sprache der Gegenwart zu übersetzen. Dafür verdient er m.E. Anerkennung und Unterstützung, zumal diese sicherlich wichtige Thematik in der letzten Zeit in der HU wohl zu kurz gekommen ist.

Die kreisförmige Anordnung hierzu relevanter Begriffe sollte jedoch m.E. nicht als Regelkreis bezeichnet werden, da dieses Wort weitgehend festgelegt ist. Der Kuhr'sche Kreis hat damit nur wenig gemein. Andererseits kann ich Frau Tjaden nicht zustimmen, daß die Methode des Regelkreises lediglich bei technisch-wissenschaftlichen Vorgängen mit Erfolg angewandt werden kann. Biologie, Psychologie und Soziologie bedienen sich schon lange dieses Hilfsmittels, um komplexe Zustände und Vorgänge überschaubarer zu machen.

Wolfgang Dittrich, München

  
HU-MITTEILUNGEN 150, Juni 1995

 


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Menschenpflichten

Einige Beiträge der MITTEILUNGEN Nr. 151 (von Ulrich Vultejus, Peter Niebaum, Ursula Tjaden, Norbert Reichling) veranlassen mich zu einer Stellungnahme.

Ich denke, es wäre für die HUMANISTISCHE UNION nicht zu früh, sich nach 30 Jahren durchaus vorbildlichem Einsatz für die Menschenrechte nun aber auch - der in ihrem Namen enthaltenen Verpflichtung entsprechend - verstärkt den Menschenpflichten zuzuwenden, vor allem für ein zeitgemäßes universelles Menschen- und Welt-Bild als Grundlage für ein ursachliches Angehen gesellschaftlicher Probleme, die bekanntlich größtenteils im Menschen selbst begründet sind, einzusetzen.

Die nötige Menschlichkeit (und Mündigkeit), an der es in unserer Gesellschaft zunehmend mangelt, läßt sich nicht allein über Verweigerung von staatlichen Einschränkungen und über die Berufung auf Menschenrechte einklagen. Unsere Gesellschaft lebt schon viel zu lange von ihrer humanen Substanz, und es ist höchste Zeit, die für eine stabile Gesellschaft unentbehrlichen Menschenpflichten deutlicher zu benennen, z.B. das Streben nach Mündigkeit, sich hierzu zu bekennen und vor allem auch selbst mit in die Pflicht zu nehmen, denn Mündigkeit bedeutet schließlich auch, eine kritische Distanz zu sich selbst zu haben. Es ist not-wendig, der Gesellschaft eine Orientierung auf humanistischer Grundlage als übergeordneter Alternative anzubieten, um unsere Demokratie aus einer inneren, im einzelnen Menschen selbst enthaltenen Sicherheit heraus zu stabilisieren. Das krampfhafte, ängstliche Festhalten einer großen Mehrheit der Bevölkerung an äußerlichen, christlich-abendländischen Symbolen, wie es die Reaktion auf das Kruzifix-Urteil deutlich gemacht hat, sollte ein Warnsignal sein.

An dieser Stelle soll wieder einmal an die entsprechende korrespondierende Arbeitsgruppe der HU erinnert werden, die bereits vom alten Vorstand befürwortet wurde. Auch möchte ich hier meine Anregung wiederholen, die Anschriften der Autoren abzudrucken, wie dies in manchen Zeitschriften bereits seit Jahren problemlos erfolgt und auch bei der Bekanntgabe unseres neuen Vorstandes geschah, um eine Kommunikation zu erleichtern und die aufklärerische Haltung unseres Blattes zu unterstreichen.

Rudolf Kuhr, Artilleriestr. 10, 80636 München

Anm. der Redaktion: Briefe an Autorinnen werden von der Redaktion der MITTEILUNGEN postwendend weitergeleitet.

*

Christlich-abendländisch oder humanistisch?

Ein Beitrag zur inneren Sicherheit

 
Wenn es in unserer Gesellschaft um höhere Werte geht, an denen wir uns orientieren können, die über den materiellen Werten stehen, dann fällt meist der Begriff "christlich-abendländisch". Von christlich-abendländischer Tradition, Kultur oder Moralität ist dann oft die Rede. Warum aber besteht dennoch eine allgemeine Desorientierung und Orientierungslosigkeit? Anscheinend kann uns diese christlich-abendländische Orientierung in der Praxis doch nicht mehr das geben, was wir heute bräuchten. Nach allem, was bisher unter diesem traditionellen, gern zitierten Vorzeichen geschehen ist und weiterhin geschieht, wäre das allerdings auch verständlich.

Immerhin ist aus der christlich-abendländischen Geisteshaltung das, was mit dem Begriff Auschwitz umschrieben wird entstanden, beziehungsweise ist es nicht verhindert worden. In diesem geistigen Umfeld war es einem Adolf Hitler beispielsweise möglich, zu sagen: "Möge uns der allmächtige Gott wie bisher so in alle Zukunft seine Hilfe geben, um unsere Pflichten so zu erfüllen, daß wir von unserem Volk und seiner Geschichte in allen Ehren zu bestehen vermögen" (Ausgewählte Reden, NSDAP 1937). Selbst wenn man Hitler nicht als Christen sehen will, so muß man doch zugeben und eigentlich sehr erstaunt sein, daß es ihm möglich war, auf eine sehr lange von christlich-abendländischer Kultur geprägte Gesellschaft einen solchen Einfluß nehmen zu können. Nicht wenige Christen haben als offizielle Vertreter der Kirchen Hitler unterstützt, viele christlich erzogene Menschen haben ihn gewählt und ihm zugejubelt und sich nicht gewehrt. Hat diese kulturelle Prägung das Entstehen der faschistischen Diktatur vielleicht sogar gefördert? - Sehr früh schon wurden beispielsweise Naturvölker von Christen ausgebeutet, versklavt, und ausgerottet. Und auch heute noch ist unter einer christlich-abendländischen Orientierung alles an Inhumanem und Naturzerstörendem möglich, wie nicht nur der Blick über die Ländergrenzen zeigt. Der Mangel an Menschlichkeit in den christlich orientierten Gesellschaften, auch in den äußerlich friedlichen, ist beängstigend, der Abstand zwischen arm und reich wird immer größer und die Gewalt zwischen den Menschen nimmt zu. Und die Zerstörung unserer Umwelt, im christlichen Sinne der Schöpfung Gottes, geht trotz aller Lippenbekenntnisse zur christlich-abendländischen Kultur ungehemmt weiter. Was spricht angesichts dessen noch für eine Weiterverwendung des Christlich-abendländischen als ethische Orientierung? Wird es nicht Zeit, hier einmal nachzufragen? Manche Intellektuellen wenden sich inzwischen bereits der buddhistisch-östlichen Richtung zu. Mehr und mehr Einfluß nimmt in unserer multikulturellen Gesellschaft die islamisch-morgenländische Religion. Wäre es im Hinblick auf die weitergehende Umweltzerstörung nicht sinnvoll, sich eher einer indianisch-naturverbundenen Orientierung zuzuwenden? Wäre es nicht aber wesentlich sinnvoller, eine ethnisch und regional übergreifende Orientierung zu wählen? Was würde denn gegen eine universell-humanistische Orientierung sprechen, die alle Menschen unserer einen Welt mit einbezieht und die Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellt? Humanismus, also ein alle Menschen verbindendes Menschentum statt abgrenzendem Christentum, Judentum, Deutschtum oder gar materiell ausgerichtetem Wirtschaftswachstum? Bewußte und beruflich an ihren Glauben gebundene Christen wehren sich jedoch entschieden dagegen, christlich mit humanistisch gleichzusetzen. Ein als fortschrittlich angesehener und deshalb von kirchlicher Lehrtätigkeit ausgeschlossener Theologe sagt beispielsweise klar abgrenzend: "Christ ist nicht einfach der Mensch, der human oder auch sozial oder gar religiös zu leben versucht. Christ ist vielmehr nur der, der seine Menschlichkeit, Gesellschaftlichkeit und Religiosität von Christus her zu leben versucht" (Hans Küng, 20 Thesen).

Was aber hat die Orientierung des Menschen auf Christus der Menschheit geholfen? Schätzungsweise vierzigtausend Bücher sind über Jesus geschrieben worden und haben dazu beigetragen, den Blick des Menschen auf Jesus zu richten. Ist Christlichkeit wirklich mehr als Menschlichkeit? Wollte Jesus Christus, daß wir uns mit ihm beschäftigen, daß wir ihn gar verehren und anbeten? Wäre es heute nicht nötiger, den Blick des Menschen auf das Ideal der allgemeinen, alle Menschen einbeziehenden Menschlichkeit und auf die Eigenverantwortung des einzelnen Menschen zu richten?

Politiker, ansonsten sehr realitätsbezogene Menschen ergänzen zum überwiegenden Teil noch heute ihren Amtseid mit "...so wahr mir Gott helfe". Damit stellen sie sich freiwillig auf die Stufe eines dreijährigen Kindes, wie es ein bekannter Psychoanalytiker treffend darstellte: "Der Mensch echt religiöser Kulturen könnte vielleicht mit einem Kind von acht Jahren verglichen werden, das einen Vater als Retter braucht, das jedoch angefangen hat, die Lehren und Prinzipien des Vaters in sein Leben zu übernehmen. Der zeitgenössische Mensch ähnelt jedoch einem Kind von drei Jahren, das nach dem Vater ruft, wenn es ihn braucht, und sonst zufrieden ist, wenn es spielen kann." (Erich Fromm, Kunst des Liebens) In den öffentlich-rechtlichen Medien, die heute einen enormen Einfluß auf die Gesellschaft ausüben und quasi als "Schule der Nation" gesehen werden können, wird der Verkündigung des Christentums noch immer sehr viel Platz eingeräumt, die Tradition wird meistens kritiklos gepflegt und damit immer wieder die Möglichkeit unterstützt, aus diesseitigen Verantwortlichkeiten in jenseitige Zufluchten auszuweichen. Neue Wege geistiger Orientierung werden so gut wie nicht gesucht.

Während Fachliteratur beispielsweise von Zeit zu Zeit den neuesten Erkenntnissen angepaßt wird, es erscheinen hier immer wieder verbesserte, überarbeitete Neuauflagen, hat das Buch der Bücher, die Bibel seit zweitausend Jahren keine wesentliche Überarbeitung erfahren, die geistige Weiterentwicklung der Menschheit wird nicht berücksichtigt. Wer würde einem Fachmann auf irgendeinem Fachgebiet vertrauen, der sich nach einem zweitausend Jahre alten, wesentlich unveränderten Fachbuch richten würde? Der Unterschied zwischen der Entwicklung auf den Gebieten der Naturwissenschaften und denen der Geisteswissenschaften ist grotesk. Genauso grotesk ist die innere Gespaltenheit des zivilisierten Menschen. Man muß sich das einmal klarmachen: der Atomwissenschaftler mit der religiösen Orientierung eines Dreijährigen. Aber das ist die katastrophale menschliche Situation unserer modernen Welt.

"Ist denn so groß das Geheimnis, was Gott und die Welt und der Mensch sei? Nein, doch niemand hört's gerne - da bleibt es geheim" (J. W. v. Goethe). Warum hört's niemand gerne? Vermutlich weil es unbequem ist. Das ganze religiöse Geheimnis besteht doch im Grunde lediglich aus der Endlichkeit und der relativen Unbedeutenheit des einzelnen Menschen. Und diese nüchterne Wahrheit ist unbequem weil verunsichernd. Es würde Arbeit an der eigenen Person bedeuten, um die gewünschte Sicherheit in sich selbst durch das Ertragenlernen der Wahrheit herzustellen. Hier liegt offensichtlich das große Geheimnis, nämlich in dem Mangel an innerer Sicherheit, im Inneren des einzelnen Menschen selbst. Das Beheben dieses Mangels würde Psychologie bedeuten, und die scheut meist selbst der aufgeklärteste Mensch "wie der Teufel das Weihwasser". Das Streben nach Sicherheit ist stärker als der Sinn für die Wirklichkeit. Deshalb sucht der innerlich unsichere Mensch lieber nach materiellen und geistigen Drogen als nach den Ursachen in sich selbst. Deshalb neigt er dazu, Begriffe in ihr Gegenteil zu verfälschen wie z.B. den Begriff Religion, der ja im Grunde alles andere bedeutet, als das, für was man ihn heute meistens gebraucht. Diese Verfälschung ist eine grundlegende geistige Ursache vieler Probleme des Menschen.

Religion ist ein verhältnismäßig neues Wort, es findet sich in der deutschen Sprache erst seit dem sechzehnten Jahrhundert. Cicero erklärt es aus dem lateinischen Zeitwort relegere, was soviel heißt wie sorgfältig überdenken, nachdenken, nachdenklich sein angesichts einer wichtigen Sache. Das Wort Religion sagt über den Gegenstand des Nachdenkens selbst nichts aus, sondern kennzeichnet lediglich eine kritische Haltung. Darum vermißte Augustin in der lateinischen Sprache auch ein Wort, das ein Verhältnis des Menschen zu Gott ausdrückt. Lactanz versuchte diesen Mangel zu beheben, indem er Religion von religare verbinden, ableitete und die Bindung an Gott betonte. Eine weitere Ableitung ist möglich von dem Wort relegere = wieder lesen, überdenken.. Auf jeden Fall bedeutet Religion an sich eher ein Rück- und Hinter-Fragen und eher sogar ein Zweifeln als ein Glauben, gar an etwas Zweifelhaftes. Religion kann korrekterweise nicht mit einem Artikel oder im Plural genannt werden, und es wird fast immer mit Konfession verwechselt. Darum sagte auch ein allgemein geschätzter Dichter der Vergangenheit: "Welche Religion ich bekenne? Keine von allen die du mir nennst. Und warum keine? - Aus Religion!" (Friedrich Schiller)

Wenn heute Religion wieder in ihrer ursprünglichen Bedeutung verstanden und betrieben würde, dann könnten Selbsttäuschung, Scheinsicherheit und Gespaltenheit überwunden werden. Dann könnte in konsequenter Weiterführung von Theologie und auch Philosophie über Psychologie und Soziologie zur Menschlichkeit gelangt werden. Menschlichkeit, im Humanismus neuer Auslegung als Bekenntnis zum Menschentum verstanden, wäre Weg und Ziel in einem, es enthält die Verbundenheit sowohl zum Organismus der menschlichen Gemeinschaft, dessen Teil der einzelne Mensch ist, als auch die Verbundenheit zum Organismus der Natur, deren Teil wiederum die Menschheit ist. Orientierung am Humanismus würde am ehesten ein Ausweichen auf Gebiete, die außerhalb des Menschen liegen, erschweren und eine Arbeit am Menschen zur Stabilisierung des schwächsten Gliedes allen Lebens auf dieser Welt fördern. Da die Ursache fast aller Probleme unserer Welt der instabile, in sich selbst unsichere Mensch ist, hat eine ursächliche Lösung am ehesten bei der psychischen Stabilisierung des Menschen eine Aussicht auf Erfolg.

Humanismus, bisher lediglich als schulische Bildungsrichtung und geschichtliche Epoche der Aufklärung verstanden, kann in einem neuen, umfassenden Verständnis als ein Ideal vom Menschentum zu einer, Christentum, Judentum, Deutschtum und andere abgrenzende Gruppierungen ablösenden, übergeordneten, alle Menschen dieser einen Welt vereinenden Orientierung werden und so von der geistigen Basis her sowohl zur inneren, als auch zur äußeren Sicherheit in der Gesellschaft und in der Welt beitragen.

Rudolf Kuhr, Artilleriestr. 10, 80636 München

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Die Ergebnisse einer Umfrage unter Spitzenpolitikern über ihre Meinung zur Eidesformel "So wahr mir Gott helfe" hat Rudolf Kuhr zusammengestellt. Die Antworten und der Vorschlag einer neuen, humanistischen Eidesformel können angefordert werden (gegen frankierten Rückumschlag, DM 1.-) bei Rudolf Kuhr, Artilleriestr. 10, 80636 München.

 
HU-MITTEILUNGEN 152, Dezember 1995

 


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Betrifft: Fragebogen
 

Die Fragebogen-Aktion mit der professionell begleiteten Auswertung ist eine erfreuliche Initiative. Ebenso erfreulich ist die erklärte Bereitschaft, an einer schonungslosen Analyse tatsächlich interessiert zu sein. Was im Fragebogen fehlte und bei einer nächsten Aktion nachgeholt werden sollte, das sind Fragen nach Weltanschauung, Parteizugehörigkeit und zu anderen Vereinigungen. Z.B.: Ich bekenne mich an 1 Stelle zu ..., an 2. Stelle zu ... (Humanismus, Christentum, Judentum, Atheismus, Konfessionslosigkeit, Liberalismus, sonstiges). Ich bin Mitglied / Wähler folgender Partei.

Außerdem habe ich eine Frage wie die folgende vermißt: Ich befürworte eine Projektberatung und regelmäßige Supervision für Amtsinhaber und interessierte Mitglieder der HU (ja/nein).

Rudolf Kuhr, München

 
Sehr geehrter Herr Kuhr! Halten Sie das Stellen solcher Fragen tatsächlich für fair oder machen Sie sich über uns lustig?

Ursula Tjaden

 
HU-MITTEILUNGEN 153, März 1996

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Der HU-Fragebogen
(Zu MITTEILUNGEN 153, S. 26)

Ich wurde von unserer Diskussions-Redakteurin, Frau Ursula Tjaden, gefragt, ob ich das Stellen solcher Fragen (nach Weltanschauung, Parteizugehörigkeit ..., Befürwortung von Projektberatung, Supervision ...) für fair halte oder mich über die HU lustig mache.

Nein, ich mache mich keineswegs lustig und halte es durchaus für fair, in einem anonym bleibenden Fragebogen nach Religionszugehörigkeit und Weltanschauung, nach Partzugehörigkeit und Wahlentscheidung zu fragen. Ich denke, daß es für die Arbeit einer Vereinigung, die für Aufklärung und Bürgerrechte eintritt, interessant sein könnte, wenn nicht sogar wichtig sein müßte, über diese wesentlichen Einstellungen und Verhaltensweisen ihrer Mitglieder selbst aufgeklärt zu sein und - wenn nicht gerade die überwiegende Zahl der Mitglieder sich zu den Scientologen zählt oder die Republikaner wählt - auch die Gesellschaft aufzuklären. Wenn es über die Mitglieder des Bundestages entsprechende öffentliche Informationen gibt, wie über Religionszugehörigkeit, sogar unterschieden bei Männern und Frauen sowie über Schulbildung, Fortbildung, Familienstand, Altersgliederung, warum nicht auch bei der HU?

Und was spricht dagegen, eine Projektberatung und Supervision für Amtsinhaber und interessierte Mitglieder der HU zu befürworten, wie dies inzwischen für fortschrittliche Unternehmen in Wirtschaft und öffentlichem Dienst selbstverständlich ist? Ist es unfair, daran zu erinnern, daß wir als einzelne ein Teil unserer Gesellschaft sind und daß es möglich ist, uns selbst in die Bemühungen um Aufklärung, Kritik und Weiterentwicklung mit einzubeziehen? Hier könnte eine humanistische Orientierung, die mehr als nur den juristischen Teil enthält, dazu verhelfen, daß eine solche Einstellung als selbstverständlich empfunden wird, um auch echte Basisarbeit leisten zu können.

Rudolf Kuhr, München

 
HU-MITTEILUNGEN 154, Juni 1996

 


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Rundfunk kommerziell
 
Zum Beitrag "Chancen für den Öffentlich-rechtlichen Rundfunk", in MITTEILUNGEN 154.

Ich habe mich über diesen Beitrag gefreut. In den öffentlich-rechtlichen Medien sehe ich ein wichtiges Instrument unserer Demokratie, das in der Bedeutung seines Einflusses auf die Gesellschaft leider von vielen noch nicht beachtet wird. Mit Sorge und großem Unbehagen sehe ich neben der viel zu oft noch mangelnden parteipolitischen und kirchlichen Unabhängigkeit nun auch die wirtschaftliche Unabhängigkeit zunehmend gefährdet. Immer mehr Sponsoren treten in Erscheinung und auch die Schleichwerbung nimmt ständig zu, nicht nur für Alkohol, sondern auch für Tabak. Gewinnspiele finden zunehmend in und zwischen allen nur möglichen Sendungen statt, um die Zuschauer zu unterhalten, zu beeinflussen und zu binden. Die Unterschiede zu den kommerziellen Anbietern werden immer geringer.

Die Einschaltquote wird immer mehr zum alleinigen Qualitätsmaßstab. Die Verantwortlichen in den Anstalten scheinen sich ihrer Mitverantwortung gegenüber der gesellschaftlichen Entwicklung nicht genügend bewußt zu sein. Ein vordringlicher Punkt wäre wohl ein schrittweiser Abbau der Werbung. Im Interesse der Demokratie und der Kultur muß die Unabhängigkeit freier Medien nicht nur von der Politik, sondern auch von der Wirtschaft gewährleistet sein. Der Anteil der Einkünfte aus Werbung beträgt zwar nur wenige Prozent, der Einfluß der Verflechtung mit der Wirtschaft ist jedoch auch qualitativ immer negativ und schon jetzt nicht mehr zu übersehen.

Da die Werbeeinnahmen im Verhältnis zu den Einnahmen aus Gebühren einen so geringen Teil ausmachen, könnte sehr gut darauf verzichtet werden. Bei dem Ausmaß des Wachstums der öffentlich-rechtlichen Anstalten in den letzten Jahrzehnten ist es durchaus sinnvoll, auch einmal an Rückbau zu denken. Es muß ja beispielsweise nicht unbedingt jeder große Sender nach dem nun auch noch verbreiteten Motto "mehr hören, mehr sehen", fünf Rundfunkprogramme betreiben. Weniger wäre da vielleicht sogar mehr. Auch wäre zu überlegen, ob Symphonie-Orchester, Rundfunk-Orchester, Chöre, Opern-Produktionen und Ballett-Ensembles von Gebühren finanziert werden müssen, ob Gebührenerhöhungen nicht den Teuerungsraten entsprechend erfolgen sollten, ob Intendanten und Direktoren nicht befristet angestellt werden sollten, um einseitigen Tendenzen und Verfilzungen vorzubeugen.

Rudolf Kuhr, München

 
Anmerkung: Beim Verbandstag in Bremen hat sich ein Arbeitskreis "Medien und Informationstechnologien" gegründet, zu dem sich Interessierte in der HU-Bundesgeschäftsstelle melden können.

 
HU-MITTEILUNGEN 155, September 1996

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Denkanstoß zur Trennung von Staat und Kirche

 
Laut Grundgesetz sind Staat und Kirche getrennt. Die Realität sieht anders aus. Das Problem ist, die Forderung nach Trennung ist in der Praxis nicht nur eine Frage des Rechtes. Es ist ein Machtkampf. Recht haben und Recht bekommen ist bekanntlich zweierlei.

Aufgabe der Befürworter der Trennung von Staat und Kirche wäre es, ein detailliertes Welt- und Menschenbild als geistige Lebensgrundlage zu entwerfen und zu verbreiten, das auch denen einen Sinn und Halt gibt, die noch fähig sind, eine ganzheitliche - auch gefühlsmäßige - Verbundenheit zu ihrer Mitwelt erleben zu können. Ebenso wäre es eine wichtige Aufgabe für die Befürworter, durch praktische Beispiele unter Beweis zu stellen, daß auch ohne die Kirche karitative Einrichtungen und menschliche Gemeinschaften möglich sind. Mit Konfessionslosigkeit, Liberalismus, mit Bürgerrechten und Wirtschaftswachstum allein ist eine menschliche Gesellschaft langfristig kaum zu stabilisieren. Ein Bekenntnis zum universellen Humanismus dagegen, zu einem alle Menschen vereinenden Menschentum könnte uns vielleicht eher weiterhelfen und nicht nur zu einer Trennung von Staat und Kirche, sondern vielleicht auch eher zu einer Trennung der Zweifelnden von ihrer Kirche oder sogar zu einer humanistischen und agnostischen Kirche führen. Humanismus als ethische Orientierung mündiger Menschen - was spricht dagegen?

Rudolf Kuhr, München

 
HU-MITTEILUNGEN 155, September 1996
 


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Ethische Grundhaltung der HU
 


 
RUDOLF KUHR
H u m a n i s t

Artillerstr. 10
80636 München

Humanistische Union
Ortsverband München
Bräuhausstr.2
80331 München

17.06.96

Sehr geehrter T. H.,
sehr geehrter D. S.,

in Ihrer Erklärung des HU-Ortsvorstands München in den MITTEILUNGEN 153 schreiben Sie unter anderem: "... daß die HU keine eigene Weltanschauung vertreten und keine damit verbundene gruppenspezifische Ethik adoptieren kann, wohingegen die Prinzipien einer allgemeinverbindlichen ethischen Grundhaltung sehr wohl zur Basis der HU-Arbeit gehören."

Ich möchte Sie freundlich bitten, mir diese Prinzipien einer allgemeinverbindlichen ethischen Grundhaltung mitzuteilen.

Vielen Dank!

Mit freundlichen Grüßen

Rudolf Kuhr

 


Humanismus als ethische Orientierung
 


RUDOLF KUHR
H u m a n i s t

Artillerstr. 10
80636 München

Herrn
W. T. H.
Straße
PLZ Ort

23.07.97

Lieber T. H.,

danke für Ihren Brief vom 09.05.97 mit Ihren einleitenden offenen persönlichen Bemerkungen, die ich sehr sympathisch finde, und die Sie mir etwas näher gebracht haben. Was Handschrift anbetrifft, so bin ich leider mit meiner nicht zufrieden und kann diese mitunter selbst nicht immer lesen, ich möchte sie deshalb niemandem zumuten. Das Nachdenken, ohne den Antrieb zum schriftlichen Festhalten, das teile ich mit Ihnen uneingeschränkt. Weil ich dies immer wieder mal bereuen muß, zwinge ich mich oft zum Aufschreiben von Stichpunkten, so daß sich dann die Zettel ansammeln, oder die Dateien auf der Festplatte.

Nun zum Thema, ich versuche zunächst einmal wiederzugeben, was da inhaltlich bei mir angekommen ist, meine Anmerkungen dazu habe ich in eckige Klammern <> gesetzt. Ich bitte Sie, meine Darstellungen nicht als Angriff aufzufassen, sondern als Angebote zu einer konstruktiven Auseinandersetzung.

Sie sind also dafür, daß die HU einen Menschen, dessen positives Ideal zu seiner persönlichen Lebenshaltung extrem von der allgemeinen Norm abweicht, gegen Angriffe von unduldsamen Anderen verteidigt. <Einverstanden.> Sie würden ihn auch als Mitglied der HU akzeptieren, auch wenn Sie nicht sicher sind, ob das Sinn hat <warum nicht, wenn er die Ziele der HU vertritt?>. Sie können seine Überzeugung aber niemals als "HU-Ethik" den Mitgliedern empfehlen. <Einverstanden.> Wenn dieser, seiner Ethik staatliche Vorteile verschafft würden, weil eine gewisse Nähe zum Christentum gesehen, und weil es bereits so viele Anhänger dieser Überzeugung gäbe, dann wäre er in der HU fehl am Platz <Das müßte dann auch für Christen gelten!>, und er müßte sogar bekämpft werden <er oder seine Idee?>.

Die von Ihnen vertretene allgemeinverbindliche Ethik soll aussagen: Achtung der inneren Geisteswelt jedes Individuums. <Toleranz> Bekämpfung der Majorisierung einer Geisteswelt. <Gerechtigkeit> Einhaltung unverzichtbarer, gesetzlicher Sozialregeln. <Gesetzestreue> Dies ist Ihre, bei allen Mitgliedern vorausgesetzte Minimalbasis, um gemeinsam tätig zu werden.

Jetzt zitiere ich Sie: 'Diese gemeinsame Tätigkeit ist schwierig genug: sie erfordert ein gewisses Maß an "Konformität" <Übereinstimmung bezüglich Toleranz, Gerechtigkeit und Gesetzestreue?>, um die eigenen Anliegen in die Ohren der Mitmenschen dringen zu lassen, ohne daß sie sie gleich verschließen. Sie erfordert Kompromisse mit den Ansichten der übrigen HU-Mitglieder, denn wenn man nur mit Menschen zusammenarbeiten kann, die mit den eigenen Ansichten über das skizzierte Maß an Gemeinsamkeit hinaus in fast jeder Hinsicht miteinander übereinstimmen <nicht in fast jeder, nur in einem not-wendigen, realistischen Welt- und Menschenbild>, steht man sehr bald allein auf weiter Flur und hat niemand, auf den man sich stützen kann. Will man für diese Ideen tiefergehender Art <welche meinen Sie hier?> weiterkämpfen, muß man sich andere Bundesgenossen suchen. Das ist ja mit der HU-Verbundenheit (d.h.Mitgliedschaft) durchaus vereinbar. Nur: Sache der HU kann es aus den genannten Gründen nicht sein.' (Zitat-Ende)

Worum geht es Ihnen mit der HU? Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann geht es Ihnen um die Wahrung der Rechte bezüglich der Freiheit des Bürgers. Die HU gewissermaßen als Verfassungsschutz von unten. Sie möchten da eingreifen, wo die Rechte eingeschränkt oder verletzt werden. Dann wäre die Bezeichnung 'Bürgerrecht-Union' oder 'Union für Bürgerrechte' treffender. Der Begriff 'Humanistisch' ist jedoch viel umfassender. Ihn bewußt nur für einen Teilbereich zu verwenden ist eine Vortäuschung falscher Tatsachen und eine Selbsttäuschung, die genau genommen anmaßend, irreführend und unredlich ist. Worum geht es Ihnen persönlich? Was ist Ihre Motivation, im Namen der HU tätig zu werden?

Wenn man sich in der HU mit dem derzeitigen Entwicklungsstand der Gesellschaft zufrieden gibt und lediglich auf die Bewahrung der Gesetze achten und auf Symptome von Verstößen gegen diese reagieren will, dann mögen die oben ganannten bisherigen 'Prinzipien einer allgemeinverbindlichen ethischen Grundhaltung' als Minimalbasis weiterhin ausreichen. Dann müßte man sich aber auch fragen, ob man es als verantwortungsbewußter, mündiger Staatsbürger verantworten kann, sich im Hinblick auf den Zustand unserer Gesellschaft und auf einen Namen, der weitaus mehr als diesen bisherigen Tätigkeitsbereich enthält, weiterhin nur darauf zu beschränken.

Von engagierten Mitgliedern der HU wird diese ja gern in einer Wächterfunktion der Demokratie gesehen, um deren Bestand zu sichern. Zur Demokratie gehören aber auch Menschen, die fähig sind, diese zu leben. Wer für Demokratie ist, der kann sich nicht nur auf seine Rechte beziehen, der muß, wenn er es ernst meint, auch zu sinngebenden Werten und entsprechenden Pflichten bekennen. Und zwar nicht nur deshalb, weil im vorletzten Artikel der internationalen Menschenrechte darauf hingewiesen wird, sondern weil es einem Leitbild und inneren Bedürfnis entsprechen sollte. Die mindeste Pflicht besteht darin, ganzheitlich zu denken und entsprechend zu handeln. Eine sehr wichtige Folgerung daraus ist, sich selbst als Teil des Ganzen erkennen und fühlen zu lernen und in den Entwicklungsprozeß der Gesellschaft mit einzubeziehen und einbeziehen zu lassen.

Es reicht dann nicht, sich nur die Rosinen aus dem umfassenden Aufgabenbereich herauszupicken und an sich selbst richtende Forderungen abzuwehren. Es reicht nicht, Forderungen nur an andere, z.B. an den "Vater" Staat zu stellen. Es müßte z.B. auch ein Hinterfragen der eigenen Motivationen erfolgen, um Integrität zu gewährleisten. Für aktive Mitglieder der Humanistischen(!) Union würde das beispielsweise bedeuten, das eigene Welt- und Menschenbild als ethisches Leitbild zu hinterfragen, zur Diskussion zu stellen und sich öffentlich dazu zu bekennen. Wer Demokratie ernst meint, der kann nicht Religion bzw. Konfession, Welt-Anschauung, -Sicht oder -Bild als Privatsache auffassen. Der muß sich mit diesem Gebiet auseinandersetzen, weil hinter jedem Gesetz und dessen Auslegung, ob bewußt oder unbewußt, ein ethisches Leitbild bestehend aus Welt- und Menschenbild steht, welches das Handeln des Menschen bestimmt ("So wahr mir Gott Helfe"!!!).

Eine wichtige Aufgabe der HU zur Stabilisierung und Weiterentwicklung der Gesellschaft wäre es, nach den Ursachen gesellschaftlicher Probleme zu suchen und zu deren Beseitigung beizutragen. Z.B. zur Lösung der Diskrepanz zwischen Art.1 und 2 einerseits und Art.4 GG andererseits, wonach einmal die Wahrung der Menschenwürde sowie die freie Entfaltung der Persönlichkeit gewährleistet wird und andererseits durch ungestörte Religionsausübung Kinder zur Unmündigkeit erzogen werden dürfen. Da reicht es nicht aus, eine Trennung von Staat und Kirche zu fordern. Da müßte zumindest die Forderung nach einer Einschränkung des Art.4 GG erhoben werden, nach der eine separierende religiöse bzw. konfessionelle Indoktrinierung von Menschen unter 18 Jahren zugunsten des Inhaltes von Art.1+2 nicht erfolgen darf.  (siehe entsprechende Petition)

Gleichzeitig wäre es sinnvoll, wenn die HU ein universelles, realistisches Welt- und Menschenbild als allgemeingültige ethische Orientierung anbieten würde, das als Grundlage für Mündigkeit, Demokratie und Frieden geeignet ist. Wer für Demokratie eintritt, der muß sich, vor allem unter dem Namen Humanismus, auch für die Schaffung der elementaren geistigen Voraussetzungen für diese einsetzen, und die bestehen nicht nur in Gesetzen, sondern vor allem in einem entsprechenden ethischen Leitbild, bestehend aus einem Welt- und Menschenbild, das den Menschen zum mündigen Gemeinschaftswesen befähigt.

Was meinen Sie dazu?

Mit besten Grüßen
Ihr

Rudolf Kuhr

Humanismus ist ein Denken und Handeln,
das sich an der Würde des Menschen orientiert
und dem Ziel menschenwürdiger Lebensverhältnisse dient.

Anlage
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Geschäftsstelle
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24.12.97

Liebe Freundinnen und Freunde,

da in den letzten Jahren die Mitgliedschaften in verschiedenen Vereinen bei mir immer mehr zugenommen haben, und ich inzwischen eine eigene kostenverursachende Initiative betreibe, da ich jedoch seit mehreren Jahren erwerbslos bin und meine Ersparnisse immer mehr abnehmen, möchte ich möglichst viele meiner Kosten, seien sie auch noch so geringfügig, noch mehr als schon bisher verringern und widerrufe ab heutigem Datum meine Einzugsermächtigung.

Ich würde gern die Verbindung aufrecht erhalten und schlage deshalb eine gegenseitige korporative kostenfreie Mitgliedschaft unserer inhaltlich verwandten Initiativen - bei Interesse - mit einem Austausch der laufenden Informationen vor.

Ich hoffe auf Ihr Verständnis.

Mit besten Wünschen
und freundlichen Grüßen

Rudolf Kuhr

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Aktualisiert am 30.04.07