Mögliche Ursachen von Jugendgewalt

eine geschlechtsspezifische Betrachtung
 

Immer wieder wird in der letzten Zeit über Jugendgewalt gesprochen und es werden Diskussionen über die Ursachen geführt. Als Ursache werden in der öffentlichen Diskussion immer wieder gewalttätige Medieninhalte - insbesondere vermittelt durch das Fernsehen und durch Computerspiele - genannt. Gerade unter Laien scheint dieses Erklärungsmuster sehr populär sein, vielleicht deswegen, weil es dadurch möglich ist, "den Medien" - die Schuld in die Schuhe zu schieben, ohne sich näher mit dem gesellschaftstrukturellen Hintergrund von Gewalt befassen zu müssen. Selbst nach Professor Pfeiffer, Kriminologe in Hannover; kann Jugendgewalt nicht durch den Einfluss der Medien erklärt werden. Pfeiffer macht deutlich, dass gewalttätige Medieninhalte gewaltfördernd auf hierfür gefährdete Jugendliche wirken können (siehe HU-Pressemitteilung: "Die Gesellschaft als Geisel" in den MITTEILUNGEN Nr. 168, S. 10l). Also muss selbst nach dieser Ansicht bereits eine anderweitige Gefährdung vorliegen. Dies liegt auch auf der Hand, kann doch eine gewalttätige Mediendarstellung beim Betrachtenden auch das Gegenteil zur Folge haben, nämlich das Auslösen von Abscheu gegen diese Gewalt. Mögliche Gewaltursachen müssen also anderswo gesucht werden:

In diesem Zusammenhang sollte einmal die Tatsache betrachtet werden, dass Gewaltdelikte Jugendlicher - und nicht nur Jugendlicher - fast ausschließlich ein männliches Problem sind; Jugendgewalt ist in den meisten Fällen Jungengewalt. Wer hier mit biologischen Argumenten kommt, verkennt, dass Gewalt ein soziales Konstrukt ist, Geschlechterverhalten ist antrainiertes Rollenverhalten. Ein tvpisches Rollenverhalten von Jungen ist nach wie vor eine starke Gefühlsnegierung Dies kann man schon aus bloßer Beobachtung schließen: Während sich jugendliche Mädchen etwa oftmals mit Umarmung und Küssen begrüßen, sieht man dies unter Jungen praktisch überhaupt nicht. Letztlich erscheint es mir nahehegend, dass diese Erziehung der Jungen zur Gefühlsnegierung auch mangelndes Einfühlungsvermögen zur Folge hat und damit möglicher Weise auch eine erhöhte Gewaltanwendung auslöst. Wer hier erwidert, heutzutage würden Eltern ihre Kinder doch unabhängig vom Geschlecht gleich behandeln, übersieht, dass Kinder nicht nur durch ihre Eltern sozialisiert werden. Im Fernsehen etwa werden Jungen oftmals als die wilden Draufgänger dargestellt, während die Mädchen oftmals eine verantwortungsvollere, auch einfühlsamere Rolle darstellen. In diesem Zusammenhang einzuordnen ist auch das meiner Ansicht nach häufig biologistisch verknappte Sexualitätsbild vieler Jungen. Sexualität wird oftmals als etwas rein Technisches begriffen, sie wird reduziert auf den heterosexuellen Beischlaf zwischen Mann und Frau; dass Sexualität - auch zwischen Mann und Frau - mehr darstellt als nur Geschlechtsverkehr, scheint vielfach nicht bekannt zu sein. Diese Einstellung zur Sexualität führt zu einer künstlichen Zwangsheterosexualität, die alle anderen möglichen Formen von Zärtlichkeit, Erotik und Sexualität nicht zulässt. Zur Folge hat dies, dass gerade unter männlichen Jugendlichen Zärtlichkeit und das Zeigen von Gefühlen untereinander verpönt ist, was wiederum Gefühlsnegierung und möglicher Weise Gewalt zur Folge hat.

Die Behauptung, Geschlechterrollen spielten heute keine Rolle mehr, ist einzuschränken: In den letzten Jahrzehnten liegt eine einseitige Aufhebung der Geschlechterrollen vor: Die traditionelle Mädchenrolle ist deutlich abgeschwächt: Ein Mädchen, das in die traditionelle Jugendrolle strebt, sich etwa für Technik interessiert und gern Fußball findet, wird in den meisten Fällen Anschluss finden und von ihrer Altersgruppe - aber auch Insgesamt - akzeptiert werden. Auch Frauen haben heute in früher den Männern vorbehaltenen Berufen gute Chancen, etwa als Lokführerin, Busfahrerin oder Ingenieurin. Andererseits ist die Jungenrolle viel weniger stark aufgelöst: Ein Junge, der in die traditionelle Mädchenrolle strebt; etwa gefühlvoll ist und gern mit Puppen oder Pferden spielt, wird es wesentlich schwerer haben, akzeptiert zu werden. Dass die Geschlechterrollen nur einseitig aufgelöst sind, sieht man schon an einer Äußerlichkeit: Während Mädchen, die ehemals Jungen vorbehaltenen Hosen tragen, selbstverständlich voll akzeptiert werden; würde der Junge mit Mädchenkleidern verspottet werden.

Die Auflösung der alten Frauenrolle hat im Laufe dieses Jahrhunderts dazu geführt, dass auch Mädchen Abitur machen und in die Arbeitswelt streben. Die freie Entfaltung der Mädchen und Frauen ist dadurch erst möglich geworden. Jungen sind heute in gewisser Weise die Benachteiligten, weil sie noch immer viel stärker an ihre Rolle gebunden sind. Woran liegt es wohl, dass heute etwa auf Hauptschulen deutlich mehr Jungen als Mädchen zu finden sind, dass auch bei denjenigen, die gar keinen Schulabschluss schaffen, die Jungen deutlich in der Überzahl sind? Liegt es nicht vielleicht daran, dass Mädchen von den für das Zurechtkommen in der Gesellschaft nützlichen Teilen der alten Mädchenrolle - wie Verantwortungsbewusstsein und Geduld - weiterhin profitieren, während die sie ausgrenzenden Teile der alten Mädchenrolle - der Zwang zu Haus und Herd - verschwunden sind? Jungen dagegen bleiben in ihrer alten Männlichkeitsrolle des ,,starken, gefühllosen" Geschlechts gefangen und erlernen dadurch die sich aus dem gefühlvollen Umgang miteinander erschließenden Kompetenzen nicht - auch eine mögliche Ursache von Gewalt.

Bezeichnender Weise richtet sich auch die geschlechtsspezifische Jugendarbeit in der Praxis in der überwiegenden Mehrzahl an Mädchen. Schon bei Veranstaltungen für Kinder im Grundschulalter werden oftmals spezielle Mädchenangebote durchgeführt, teilweise gibt es gar Mädchenspielplätze. Vergleichbare Angebote für Jungen bleiben dahinter deutlich zurück. Sehr merkwürdig auch die Begründungen für diese Mädchenprojekte: Es habe sich gezeigt, dass Mädchen durch das draufgängerische und von sich selbst eingenommene Verhalten der Jungen ihre eigene Persönlichkeit nicht angemessen entfalten könnten. Das mag ja sogar stimmen, aber die darauf folgende Reaktion kann man nur als verfehlt bezeichnen: Zum einen müssen Mädchen auch im täglichen Leben mit Jungen umgehen und müssen sich auch als Erwachsene mit Männern auseinandersetzen, zum Anderen: Warum schafft man hier einen zweifelhaften Schutzraum für Mädchen, anstatt das Problem bei der Wurzel zu packen und sich daran zu machen, die Jungen aus ihrer Geschlechterrolle zu befreien. Es wäre ja auch im Sinne der Frauen: Letztlich wäre es für Frauen wesentlich leichter Familie und Beruf zu vereinen, wenn mehr Männer die Kinderbetreuung übernehmen würden; dass dies immer noch recht wenig sind, liegt auch an der im Jungenalter vermittelten Männlichkeitsrolle.

Zum Abschluss: Nach meiner Auffassung kann Ursache für Jungengewalt auch das fortdauernde Gefangensein in der männlichen Geschlechterrolle sein. Wir sollten uns aber auch aus einem anderen viel wichtigeren Grund endlich daran machen, Jungen aus ihrer Geschlechterrolle zu befreien: Damit diese sich ähnlich frei entfalten können wie die Mädchen dies zumindest im europäischen Kulturkreis endlich tun können! Zur Diskussion um Gewaltprävention sei abschließend noch angemerkt: Eine tatsächliche Steigerung der Jugendgewalt ist nicht feststellbar. Zudem wäre eine freiheitliche Gesellschaft ganz ohne Gewalt meines Erachtens nicht zu erreichen. Auch in einer Gesellschaft, in der sich alle Menschen wirklich frei entfalten können und es keine Rollenbilder gäbe, gäbe es Fälle von Gewalt. Wo sich Menschen entfalten, wird es stets zu Konflikten kommen, die in Gewalt münden können. Eine vollkommen gewaltlose Gesellschaft wird man nur um den Preis absoluter Konformität erreichen können - ein Ziel, das kaum erstrebenswert sein dürfte.

Steve Schreiber

HU-MITTEILUNGEN 168, DEZEMBER 1999 S.15

  

Anmerkung

Das Problem bei der Wurzel zu packen bedeutet, die biologischen Ursachen zu
berücksichtigen, zumindest, wenn nachhaltige Lösungen erreicht werden sollen.
 

 

Diskussionsbeitrag

Über Wochen und Monate erschien auf meine Internetabfrage zum Stichwort "Humanistische" "Keine passenden Artikel gefunden". Das heißt von der HU ist nichts in den Zeitungen zu lesen. Als ich dann am 16. November 1999 in der Berliner Zeitung fündig wurde, stimmte mich das auch nicht froher. Eine Freigabe der Pornografie und aller freiwilligen sexuellen Handlungen hat die HUMANISTISCHE UNION gefordert." Am 13. Dezember 1999 vertrat Herr Hanke als "Bundesvorstand der HUMANISTISCHEN UNION" die Pro-Pornografie-Position im selben Blatt.

Das wirft eine Reihe von Fragen auf:

1. Wann wurde von welchem Gremium die "Freigabe der Pornografie und aller freiwilligen sexuellen Handlungen" als HU-Position festgestellt? Handelt es sich um einen Beschluß des Bundesvorstands? Das könnte das Protokoll der Bundesvorstands-Sitzung vom 14. November 1999 vermuten lassen, wo von einer Besprechung der "aktuellen Pressemitteilung" zur Tagung "Pornografie und Jugendschutz" die Rede ist.

2. Für welche Pornografie wünscht Herr Hanke beziehungsweise "die HUMANISTISCHE UNION" eine Freigabe? Gelegentliche Blicke auf Zeitschriftenstände und Besuche einer Videothek sowie manche anderen Erfahrungen hatten mich in dem Glauben leben lassen, es sei so ziemlich alles legal käuflich zu erwerben, was sich auf diesem Gebiet denken läßt. Ich wüßte gern präzise, wo das Grundrecht auf Pornografie mit Füßen getreten wird.

3. Herr Hanke beruft sich auf "wissenschaftliche Untersuchungen". Daß ich sie nicht kenne, mag an mir liegen. Ich wage aber zu bezweifeln, daß eine seriöse Untersuchung in dieser Pauschalität und Monokausalität den Zusammenhang Freigabe von Pornografie = Rückgang von Vergewaltigungen behauptet, wie das von Herrn Hanke dargestellt wird, schon allein weil Vergewaltigung weit weniger die aggressive Variante von Sexualität als vielmehr die sexuelle Form von Aggression ist. Ich kenne allerdings eine ganze Reihe von Arbeiten zur Therapie mit Sexualstraftätern (zum Beispiel von Lorenz Böllinger und Hartwig Lohse), die jeder und jedem deutlich machen müßten, wie verfehlt bei dieser Thematik einfache Antworten und Kausalitäten sind, heißen sie nun "Schwanz ab" oder "Schuld ist nur die Sexualunterdrückung". Es ist mir auch kein Therapieansatz für Sexualstraftäter bekannt, bei dem diesen Pornos gezeigt würden, um die Rückfallgefahr zu senken - was ja eine einfache und billige Methode wäre, wenn die These von Herrn Hanke stimmen würde.

4. Seit sich herumgesprochen hat, daß auch Wissenschaft interessengeleitet ist, hat der Spruch "Die Wissenschaft hat festgestellt ..." beträchtlich an Glanz eingebüßt. Bei dem der Pornografiefreigabe durchaus vergleichbaren Thema "Gewaltdarstellung" brachten die VertreterInnen der "Dampfkesseltheorie" wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse, daß Gewaltfilme die Aggressionen abbauen, VertreterInnen der "Lernen-am-Modell"-Theorie verwiesen auf gegenteilige Untersuchungsergebnisse. Muß ich damit rechnen, daß sich die HU demnächst in Verteidigung der "Freiheit" und mit Berufung auf wissenschaftliche Untersuchungen für mehr Gewaltdarstellungen in den Medien einsetzt?

5. Genauso undifferenziert wie die Forderung nach Freigabe "der" Pornografie ist die Aussage, "natürlich" würde man generelle Straffreiheit nur für freiwillige sexuelle Handlungen fordern. Gunter Schmidt, gewiß der Sexualfeindlichkeit nicht verdächtig, hat in seinem Aufsatz "Über die Tragik pädophiler Männer" dieses Problem der - scheinbaren - Freiwilligkeit in sexuellen Beziehungen von Kindern mit Erwachsenen mit der gebotenen Sorgfalt und Unaufgeregtheit dargelegt (Zeitschrift für Sexualforschung 2/1999 S.132 - 139). Die einfache Aussage "der/die macht das ja freiwillig" geht nur zu oft an der Wahrheit vorbei.

Wenn das so einfach wäre mit der Freiwilligkeit - sogar mit der subjektiv so empfundenen - könnte man sich zum Beispiel Überlegungen sparen, wie "freiwillig" die freiwillig geleisteten unbezahlten Überstunden sind, die inzwischen ganz selbstverständlich erwartet werden. Wie "freiwillig" ist Kinderarbeit in Entwicklungsländern? Wie "freiwillig" tragen Frauen im Iran den Tschador? Wie ist das, wenn die Arbeiter-Innen in Atomkraftwerken für den Erhalt ihres Arbeitsplatzes streiken und die VerbraucherInnen im Bewußtsein ihrer kommerziellen Freiheit den Stromlieferanten wählen, der dank Atomstrom am billigsten ist? Wenn der Bauer "freiwillig" gentechnisch verändertes Saatgut anbaut und der Verbraucher "freiwillig" gentechnisch veränderte Lebensmittel ißt, weil man ja schließlich nicht die "Kommerzialisierung fast aller Lebensbereiche" ausblenden darf, wie Herr Hanke meint?

Woher nimmt die HU das Recht, gegen Lauschangriff; gegen Ausweitung der Rechte der Polizei zu kämpfen, wenn die Mehrheit der Bevölkerung diese Maßnahmen nicht nur völlig "freiwillig" hinnimmt, sondern sie sogar befürwortet? Weg mit Einschränkungen für Parteispenden! Denn mit dem Vorwurf illegaler Spendenpraxis kann man mißliebige Politiker ausschalten! Ist das die Logik von Herrn Hanke, wenn er argumentiert: Weg mit Einschränkungen für Pornografie, denn mit dem Pornographievorwurf kann man "politisch mißliebige Äußerungen" unterdrücken?

"Für den Bürgerrechtler" schließt sich laut Bundesvorstands-Mitglied Hanke damit "der Kreis". Für die Bürgerrechtlerin könnte sich allerdings die Frage stellen - und zwar keineswegs nur wegen des antifeministischen Zungenschlags der Veröffentlichung in der Berliner Zeitung - , in was für einen Kreis sie da als HU-Mitglied geraten ist.

Im Moment bereite ich eine Veranstaltung zur Kriminalitätsprävention bei Jugendlichen vor. Als Mitveranstalter konnte ich den Kinderschutzbund gewinnen. Ich bin nur froh, daß Berlin weit ist und die Berliner Zeitung hier nicht gelesen wird. Ich wäre ausgesprochen dankbar; wenn ich von dieser Sorte unterstützender Pressearbeit verschont bliebe. Es ist mir klar, daß man mit Pornografie leichter in die Zeitung kommt als mit spröderen Themen. Es ist mir auch klar; daß in einer Zeitung eine differenzierte Argumentation zwangsläufig verkürzt wird. Aber genau das sollte anderen Leuten, insbesondere dem für die Pressearbeit zuständigen Bundesvorstands-Mitglied auch bewußt sein. Genauso, wie bewußt sein müßte; welcher Personenkreis von dergleichen griffig formulierten Forderungen angesprochen wird und welche man damit irritiert. Ich für meine Person verspüre nicht die geringste Neigung, demnächst gefragt zu werden: "Ah, HUMANISTISCHE UNION? Das sind doch die, die sich für Pornografie und Sex mit Kindern stark machen!"

Ursula Neumann

HU-MITTEILUNGEN 169, MÄRZ 2000

siehe auch   Jugend   Gewalt   'Mann-Frau-Problem'
 


 
Mit freundlichen Empfehlungen
 
Humanistische AKTION
 
6/2000
 


 
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Aktualisiert am 08.01.04